Rottweiler Narrensprung und Elzacher Trinität — die VSAN-Hochburgen im Vergleich
Seit 1924 ordne die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte rund siebzig Zünfte. Der Rottweiler Sprung am Schmotzigen Donnerstag eröffne, was Elzach mit Schuttig, Mehlwurmschalk und Rägemoll fortsetze.
Wer die Topografie der schwäbisch-allemannischen Fasnacht verstehen wolle, der komme um zwei Orte nicht herum: Rottweil am östlichen Rand des Schwarzwalds und Elzach im Elztal. Beide seien VSAN-Hochburgen, beide stünden für je eine Tradition, die auf Jahrhunderte zurückgehe — und beide trügen die institutionelle Klammer der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte, jenes 1924 in Villingen gegründeten Dachverbands, der heute rund siebzig Mitgliedszünfte ordne.
Was die VSAN sei — und was sie nicht sei
Die VSAN sei kein Aufsichtsorgan und kein Spielleiter. Sie sei ein Verband mit klar begrenzten Aufgaben: Koordination der jährlichen Narrentreffen, Pflege von Statuten und Aufnahme-Kriterien, Vertretung gegenüber Landes- und Bundesstellen, Mediation in Streitfragen zwischen Zünften. Was die einzelne Zunft tue — welche Larven sie führe, welche Sprünge sie pflege, wann sie auftrete — entscheide sie selbst.
Gegründet worden sei die VSAN 1924 in Villingen, auf Initiative einer Gruppe von Zunftvertretern, die nach dem Ersten Weltkrieg ein Forum suchten, in dem sich die historischen Fasnachtsorte austauschen konnten. Anlass sei nicht zuletzt die Sorge gewesen, dass die rheinische Karnevalsform sich auch im allemannischen Raum durchsetze und die regionale Eigenart verdränge. Die Gründungsmitglieder seien gewesen: Villingen, Rottweil, Oberndorf, Überlingen, Elzach, Wolfach. Dieser Kreis habe sich seither schrittweise erweitert, immer unter strengen Aufnahme-Kriterien: Eine Zunft müsse ihre Tradition belegen können, sie müsse ein definiertes Häs führen, sie müsse einen tradierten Sprung pflegen.
Heute liege die Mitgliederzahl bei rund siebzig Zünften. Die genaue Zahl schwanke leicht, weil gelegentlich Aufnahmen erfolgen und sehr selten Zünfte austreten oder ausgeschlossen würden.
Rottweil: der Sprung, der die Saison öffne
Der Rottweiler Narrensprung gelte als der älteste durchgängig dokumentierte Sprung der Region. Er finde am Schmotzigen Donnerstag statt — also dem Donnerstag vor Aschermittwoch — und eröffne damit für viele Zünfte die eigentliche, sichtbare Phase der Fasnacht. Der Sprung beginne traditionell früh am Morgen am Schwarzen Tor, jenem mittelalterlichen Stadttor, das seit jeher als Ausgangspunkt diene. Von dort ziehe der Zug durch die Hauptstraße, vorbei am Rathaus, hinab zum Hochbrücktor, und kehre dann durch die Stadt zurück.
Was den Rottweiler Sprung auszeichne, sei nicht das Tempo — es sei das Gegenteil. Die Sprungschritte seien gemessen, der Rhythmus folge dem Narrenmarsch, der seit dem 19. Jahrhundert in seiner heutigen Form überliefert sei. Die Figuren ziehen in fester Reihenfolge: der Federahannes mit langer Stange und Sprungfedern an den Hosen, der Gschell mit den schweren Bronzeglocken, der Biss mit seinem Fuchsschwanz, der Schantle mit der gemalten Leinwandlarve. Jede Figur habe ihren eigenen Schritt, ihren eigenen Ruf, ihre eigene Position im Zug.
Eine Besonderheit des Rottweiler Sprungs sei, dass die Holzlarve — der Schemen — in der Stadt ein hohes Maß an Anonymität sichere. Wer als Narr springe, der spreche nicht; er rufe nur, was die Figur rufe. Wer mit dem Narren als Privatperson reden wolle, der müsse warten, bis die Larve abgenommen sei.
„Der Sprung sei kein Umzug. Er sei ein Ritus, der die Stadt für drei Tage in einen anderen Zustand setze.”
So formuliere es ein älterer Zunftvertreter, der die Tradition seit über fünfzig Jahren mitlebe. Der Satz markiere präzise, was die Rottweiler Praxis von einem touristischen Spektakel unterscheide.
Elzach: die Trinität von Schuttig, Mehlwurmschalk und Rägemoll
Während Rottweil mit der Strenge seines Sprungs überzeuge, sei Elzach das Beispiel für figurale Vielfalt innerhalb einer einzelnen Zunft. Die Elzacher Fasnacht kenne drei Hauptfiguren, die eng miteinander verschränkt seien und gemeinsam auftreten würden:
Der Schuttig sei die Hauptfigur. Er trage eine geschnitzte Holzlarve mit charakteristisch grobem, dämonischem Ausdruck, einen dreispitzigen Strohhut mit aufgesetzten Schneckenhäusern und ein rotes Wollgewand. In der Hand führe er eine Saubloter — eine getrocknete Schweinsblase an einem Stock —, mit der er die Zuschauer am Straßenrand symbolisch schlage. Der Schuttig zähle zu den am häufigsten fotografierten Fasnachtsfiguren überhaupt; sein Bild gehöre seit Jahrzehnten zur ikonografischen Standardausstattung volkskundlicher Werke.
Der Mehlwurmschalk sei die zweite Figur und stehe ikonografisch zwischen menschlicher und tierischer Anmutung. Er trage eine Larve mit Tier-Anleihen — meist katzen- oder marderartigen Zügen — und ein weiß-mehliges Gewand, das ihm den Namen gegeben habe. Der Mehlwurmschalk sei im Auftreten leiser, schleichender als der Schuttig; er nehme eine eher beobachtende Rolle ein.
Der Rägemoll sei die jüngste der drei Hauptfiguren, in seiner heutigen Form etabliert im späteren 19. Jahrhundert. Er trage eine Larve mit deutlichen Wettermerkmalen — Regentropfen auf dem Gesicht, Wolken im Hutbereich — und symbolisiere die nasskalte Jahreszeit. Sein Auftreten sei zwischen den beiden anderen vermittelnd, oft mit eigenen Reimen und Rufen.
Die drei Figuren träten in fester Reihenfolge auf, mit eigenen Sprüngen, eigenen Rufen und eigenen Sub-Choreografien. Der Elzacher Sprung am Sonntag und Dienstag der Fasnachtswoche zähle zu den dichtesten Veranstaltungen der Region, mit mehreren hundert Aktiven und einer Choreografie, die sich über mehrere Stunden erstrecke.
Die Villinger Sprung-Choreografie
Zwischen Rottweil und Elzach stehe geografisch wie systematisch Villingen, jener Ort, in dem die VSAN gegründet worden sei. Der Villinger Sprung sei ein eigenes Studienobjekt. Die Hauptfigur — der Narro mit der Holzlarve in zwei Varianten (lachender bzw. weinender Narro), mit dem Narrokleid aus handbedrucktem Leinen, mit der Hörnerkappe und den Geißeln — bewege sich in einem Sprung, der den Rhythmus von zwei kurzen, einem langen Schritt halte, jeweils auf den Schlag des Narrenmarschs.
Die Villinger Choreografie sei deshalb interessant, weil sie als einer der frühesten kodifizierten Sprünge in der Region gelte. Es gebe schriftliche Anweisungen aus dem späten 19. Jahrhundert, die genau festlegten, in welcher Reihenfolge welche Figuren laufen, wie sie sich bei Gabelungen zu verhalten hätten und welche Rufe in welcher Stadtgegend angemessen seien. Diese frühe Schriftlichkeit habe der Villinger Tradition eine Stabilität verschafft, die sie zur Referenz für andere Zünfte gemacht habe.
Ein Vergleich, der nicht hierarchisch sein wolle
Wer Rottweil, Elzach und Villingen miteinander vergleiche, der vergleiche drei gleichberechtigte Hochburgen — jede mit eigenem Charakter:
- Rottweil stehe für Disziplin und Strenge im Sprung. Die Figuren seien gemessen, der Rhythmus sei klar, die Anonymität der Larve sei strikt.
- Elzach stehe für figurale Vielfalt und Drastik. Die Trinität von Schuttig, Mehlwurmschalk und Rägemoll bilde ein figurales System, das in seiner Dichte einmalig sei.
- Villingen stehe für Kodifizierung und Lehrtradition. Hier seien Sprung und Choreografie früh verschriftlicht und systematisiert worden.
Keine dieser Traditionen sei „älter” oder „authentischer” als die andere. Alle drei seien parallel gewachsen, hätten sich gegenseitig beeinflusst, hätten je eigene Akzente entwickelt.
Was die VSAN heute leiste
Die VSAN organisiere alle vier Jahre ein gemeinsames Großes Narrentreffen, bei dem sich Mitgliedszünfte gegenseitig besuchen und in einem gemeinsamen Sprung vorstellen. Das Treffen rotiere zwischen den Hochburgen — Rottweil, Villingen, Überlingen, Elzach, Wolfach und weitere Orte hätten in der Vergangenheit gastgeben dürfen. Daneben gebe es jährliche Treffen kleinerer Regionalgruppen.
Wichtiger als die sichtbaren Treffen sei aber die interne Arbeit der VSAN: die Pflege der Aufnahmekriterien, die Beratung bei Häs- und Larvenfragen, die Mediation in Streitfällen, die Vertretung gegenüber Landesbehörden und Tourismusverbänden. In dieser stillen Arbeit liege das eigentliche Verdienst des Verbands.
Die Aufnahmekriterien — was eine Zunft erfüllen müsse
Wer Mitglied der VSAN werden wolle, der habe einen Weg vor sich, der typischerweise mehrere Jahre, oft ein Jahrzehnt oder länger dauere. Die Aufnahmekriterien seien in den Statuten festgelegt und seit den 1950er Jahren mehrfach präzisiert worden. Im Kern müsse eine bewerbende Zunft Folgendes belegen:
- Eine historisch belegbare Tradition in der Ortschaft, die mindestens auf die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreiche.
- Ein definiertes Häs, das in seiner heutigen Form mindestens drei Generationen lang in Gebrauch sei und nicht beliebig veränderbar bleibe.
- Einen tradierten Sprung oder eine vergleichbare choreografische Praxis, die seit Generationen weitergegeben werde.
- Eine strukturierte Zunftorganisation mit Vorstand, Mitgliederversammlung und schriftlich fixierten Statuten.
- Den Beleg der Eigenständigkeit: Die Zunft dürfe nicht erkennbar Imitat einer anderen, älteren Zunft sein, sondern müsse einen eigenständigen Charakter aufweisen.
Diese Kriterien seien streng — und sie führten dazu, dass die VSAN-Mitgliedschaft als Qualitätsausweis gelte. Nicht jede Fasnachtszunft strebe danach; manche Orte hätten sich bewusst gegen einen VSAN-Beitritt entschieden, weil sie die Bindung an die Verbandsstatuten als zu restriktiv empfänden. Die VSAN-Mitgliederzahl bilde deshalb nicht die Gesamtheit der schwäbisch-allemannischen Fasnachts-Aktivitäten ab — sie sei eine Auswahl, gebildet aus den Zünften, die sich dem strikten Erbe-Anspruch verpflichten.
Wolfach, Überlingen, Oberndorf — drei weitere Hochburgen
Neben Rottweil, Villingen und Elzach verdienten mindestens drei weitere VSAN-Gründungs- und Frühmitglieder eine kurze Erwähnung:
Wolfach im Kinzigtal habe eine besonders ausgeprägte Tradition des Hemdglonkers — jener Figur, die im langen weißen Nachthemd und mit angehängten Glocken durch die Gassen ziehe. Wolfach sei dafür bekannt, dass die Fasnacht hier stark dorfgemeinschaftlich organisiert sei; die Zunft sei mit den anderen örtlichen Vereinen so eng verzahnt, dass Außenstehende die Grenze kaum noch zögen.
Überlingen am Bodensee führe den Hänsele als zentrale Figur — eine Larvenfigur mit charakteristisch farbig appliziertem Häs und einer langen Geißel. Der Überlinger Sprung zeichne sich durch die städtisch-bürgerliche Reichsstadt-Eleganz aus; das Häs sei aufwendig gefasst, die Choreografie diszipliniert, das Auftreten zurückhaltender als in den Schwarzwald-Hochburgen.
Oberndorf am Neckar habe mit dem Narro eine Figur, die mit der Rottweiler Tradition verwandt sei, aber eigenständige Akzente führe. Die Oberndorfer Zunft pflege ein dichtes Reigen-Repertoire und sei für die Vielfalt ihrer Häsvarianten innerhalb der einzelnen Figurengruppe bekannt.
Diese drei Orte verdeutlichten, dass die VSAN keine Monokultur sei. Jede Mitgliedszunft führe ihren eigenen Charakter, ihre eigenen Akzente, ihre eigene Geschichte. Was sie verbinde, sei die Bereitschaft, sich auf gemeinsame Statuten zu verpflichten — nicht eine gemeinsame Ästhetik.
Was bleibe
Die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte habe sich seit 1924 als Stabilitätsanker bewährt. Was sie geschützt habe, sei weniger die einzelne Figur als das Selbstverständnis, dass die schwäbisch-allemannische Fasnacht eine eigene, alte, regional verwurzelte Tradition sei — und dass diese Tradition gegen Vereinheitlichung und Verflachung verteidigt werden müsse.
Rottweil und Elzach seien die markantesten Beispiele dafür, was diese Verteidigung in der Praxis bedeute. Wer am Schmotzigen Donnerstag in Rottweil am Schwarzen Tor stehe oder am Fasnachtssonntag in Elzach den ersten Schuttig kommen sehe, der verstehe ohne Worte, was die Verbandsstatuten umschreiben würden: dass diese Praxis nicht inszeniert sei, sondern gelebt — und dass sie nur dann lebendig bleibe, wenn sie ernst genommen werde.